Ostseeman 2011
"Bei einem Ironman mußt Du damit rechnen, an Deine Grenzen zu stoßen. Mehr noch: Du fällst möglicherweise so tief, dass Du glaubst, nicht mehr aus dem Loch rauszukommen und zu verenden. Du verzweifelst, Du bist enttäuscht, Du willst (Dich) aufgeben. Aber irgendetwas in Dir läßt Dich weiter machen, vielleicht ist es ein Rest Selbstachtung. Und auf einmal, wenn alles Heulen und Zweifeln vorbei ist, geht´s weiter...es geht immer weiter. Du hast Dich mit eigener Kraft aus der Misere befreit und überquerst die Ziellinie. Die Endzeit spielt keine Rolle. Du bist stolz. Du bist glücklich. Du bist Dir am tiefsten Punkt Deiner Persönlichkeit begegnet und bist Dir treu geblieben. Aufrecht (zumindest innerlich) und mit erhobenem Haupt läßt Du die 226 Kilometer hinter Dir. Und erhobenen Hauptes und ´ner Tonne voll Selbstvertrauen gehst Du zurück in den Alltag. Das ist es ! Das ist Ironman - jedenfalls für mich"
Nun sitz´ ich hier, Laptop auf dem Schoß. Ich bin noch ganz bewegt vom gestrigen Tag. Es ist nicht so ganz einfach für mich, das Erlebte in Worte zu packen.
Ich leg´ einfach mal los: bereits Tage vor dem Wettkampf sagten die Wetterdienste üble Bedingungen voraus. Der Samstag noch o.k., aber schon in der Nacht zum Sonntag fiese Regenschauer und Sturm. Der Regen sollte pünktlich zum Startschuß verflogen sein, der Wind aber dafür massiv auffrischen. Und man staune: genauso war es auch. Die ganze Nacht über prasselten dicke Regentropfen gegen die Veluxfenster und auch auf der Fahrt nach Glücksburg gab´s reichlich Nasses von oben. Ärgerlich, dachte ich, sehr ärgerlich. Da trainiert man ein Jahr lang auf diesen Tag hin und dann stimmen die äußeren Bedingungen so ganz und gar nicht.
Am Wettkampfort eingetroffen ist es dann schon trocken und emsiges Treiben macht sich breit.

Noch ist es dunkel, morgens um halb sechs in Glücksburg
Ein Mitstreiter erzählt mir, dass der Organisator überlegt, dass Schwimmen zu verkürzen, da der Wellengang zu extrem sei. Der Westwind ist arg und in Böen macht er einem Angst. Aber so lange vom Veranstalter keine Ansage kommt, verfahre ich wie gewohnt und zieh´mich um. Vom Veranstalter kommt nix.
Thomas Becker und ich kurz vorm Start. Zusammen waren wir im Frühjahr in Malle auf einer Bude. Thomas wird bei seinem Ironman Debüt am Ende unter 12 Stunden bleiben. Saubere Leistung.
Also Neopren an und ab zum Strand. Ich stell´ mich leicht selbstüberschätzend mit in die erste Reihe. Neben mir Ollie und Lars, nicht weit dahinter andere Athletico Athleten wie Andreas, Michael, Stephan, Thomas und Christian. Ulrike und Dirk schwimmen für Ihre Staffeln. Wir wünschen uns gegenseitig viel Spaß und Glück.
Die wilde Horde wird losgelassen. 588 Einzelstarter und über 300 Staffeln trauen sich in die aufgewühlte Ostsee.
Um Punkt 7 Uhr geht die Post ab und die ersten Meter verlaufen eigentlich recht gut. Bis etwa zur ersten Wendeboje, denn dann kommt der Wind von vorn und somit auch die Wellen. Und das nervt. Schlechte Orientierung und ein ständiges Überdrehen des Kopfes um bloß nicht zuviel Wasser zu schlucken und abzusaufen. Einen Vordermann zum Draften kriegt man so auch nicht zu fassen. Nach der zweiten Wendeboje herrscht wieder mehr Ruhe, man kommt in den Rhythmus, leider nicht allzu lange. Wie dem auch sei. Ich erreich den Strand, schaue auf die Uhr und erschrecke. 1:11, 45 Stunden. Das ist ja sogar schlechte als 2009 auf Hawaii. Wie sich aber rausstellt, schafft es kaum jemand die Stundenmarke zu unterbieten.
Lars zum Wechsel aufs Rad. Er wird heute unter seinen Möglichkeiten bleiben.
Der Wechsel zum Radfahren gelingt flott, nicht zuletzt durch die Mithilfe der freiwilligen Helfer, die wirklich super unterstützen. Ich zieh´ mir meine Armlinge über und renne zum Fahrrad, wo meine Schuhe, Helm und Brille bereits auf mich warten.
Ab die Post: nach kurzer Fahrt wartet bereits der erste langgezogene Berg auf uns. Heute ist er noch etwas steiler, weil der Wind direkt von vorn ins Gesicht bläst. In der ersten von sechs Runden noch nicht tragisch, aber da der Wind stündlich stärker und die Beine stündlich schwächer werden, geht dann schon mal der ein oder andere Fluch über die Lippen.
Ich merke schon bald, dass die Radzeit vom letzten Jahr hier und heute keine Rolle spielt. Eine 5:10 wird es nicht geben. Das frustriert mich, war doch das Schwimmen auch schon nicht so dolle. Schon fang´ ich an zu rechnen. Na, denke ich, eine 10:30 wird es schon noch werden. Auch daraus wird nix, wie sich sehr viel später noch zeigen soll.
Der Wind ist mittlerweile ´ne Tortur, die Böen fordern volle Konzentration, aber nach 5:34 Stunden bin ich fertig mit Radfahren...und auch sonst.
Schnell zieh´ ich meine Nike Free 3.0 an, Visor über den Kopf und laufe los. Die erste von fünf Runden. Ich staune. In der ersten Runde, also 8,4 Kilometer, laufe ich einen Kilometerschnitt von 4:40 Minuten. Toll. Und es fällt mir auch recht leicht. In der zweiten Runde ist die Welt auch noch in Ordnung. Klasse, vielleicht kann ich nun all´ die verlorene Zeit wieder aufholen?! Kurz nach Beginn der dritten Runde dann der Exitus. Nichts geht mehr. Platt. Aus. Mir ist schwindelig, Übelkeit. Die erste Gehpause. Es muß sein, fast laufe ich gegen ein parkendes Auto. Ich kriege auch nichts mehr runter. Aber ich weiß dass ich essen und trinken muß, wenn ich denn weiter machen will. Die ersten handfesten Zweifel, die ersten Gedanken ans Aufgeben. Wie soll ich in diesem Zustand noch 20 Kilometer überstehen? Innerlich schimpfe ich mit mir. Zu schnell gelaufen die ersten Kilometer. Anfängerfehler. Idiot!
Neben mir das Glücksburger Schloß. Aber dafür habe ich gerade keinen Blick . Ich kämpfe gegen die Übelkeit und hinter mir kommt Ollie angelaufen. Er brüllt mich an, ich solle gefälligst weiter laufen. Gern würde ich ihm ein "Arschloch" hinterher schicken, aber selbst dafür fehlt mir die Energie. Wie komme ich bloß raus aus diesem Tief ? Aufgeben geht nicht. Der Einsatz der letzten 12 Monate war einfach zu hoch. Aussteigen geht beim besten Willen nicht.
Am Ende der dritten Runde und becherweise Cola kann ich mich wieder ein bißchen laufähnlich fortbewegen. An der Promenade, wo all´ die Zuschauer und Vereinskollegen/innen stehen, trabe ich etwas schneller, um ja nicht mein Gesicht zu verlieren. Trotzdem sagt mir später liebevoll jemand (Chris), ich hätte einfach "scheiße" ausgesehen.
Mitte der vierten Runde ist´s wieder gut. Und ich rechne wieder. Sollte ich die letzten 8,4 Kilometer in 48 Minuten hinkriegen, bleibe ich unter 11 Stunden. Wahnsinn, denke ich. Gerade eben noch ging wirklich rein gar nichts mehr und nun ist wieder alles gut. Mind over body.
Ich lauf´die letzte Runde durch und komme in 10:55,47 Stunden ins Ziel. Platt aber glücklich und stolz. An der Seitenabsperrung ist meine Familie, stehen Tina, Lisa und Susi und beglückwünschen mich. Kathrin und Ollie begrüßen mich ebenfalls. Ollie, der mir vielleicht zum richtigen Zeitpunkt verbal einen ordentlichen Arschtritt verpasst hat.
Das war der Ostseeman 2011. Hat eine Menge Körner gekostet und mental alles von mir gefordert. Aber das ist es wohl worum es geht beim Abenteuer Ironman. Und während ich auf der dritten Laufrunde geflucht und geheult habe und nie wieder so einen Blödsinn machen wollte, verrate ich an dieser Stelle: am nächsten Tag, also heute Morgen, nach einer Nacht mit schmerzenden Beinen, habe ich die Anmeldung für 2012 rausgeschickt. Ein weiteres mal Herausforderung "Ironman", mit dem Ziel Kona/Hawaii 2012. Wo ? Dazu später mehr.
O.K. Das war´s also. Ostseeman 2011. Ollie war bereits geduscht und umgezogen. 9:53 Stunden hat er aufs Parkett geschmettert. Gesamt Rang 15. Respekt und Anerkennung. Alle waren sie Sieger heute. Von 588 Einzelstartern tauchen nur 446 in der Ergebnisliste auf. Das Wetter hat so manchen Traum frühzeitig platzen lassen.
Die Einzelstarter der SG Athletico-Büdelsdorf und ihre Zeiten:
Oliver Stief: 09:53,47 Std.
Lars König: 10:09.22 Std.
Hans-Peter Dannenberg: 10:55,49 Std.
Stephan Pahl: 11:21,52 Std.
Andreas Riese: 11:23,48 Std.
Michael Pahl: 11:26,38 Std.
Thomas Becker: 11:57,52 Std.
Christian Auer: 12:09,12 Std.
...und was ich gerade erst realisiert habe: die SG Athletico-Büdelsdorf ist in der Mannschaftswertung mit Stief,König, Dannenberg auf den 2. Platz gelandet.
Die Mannschaft mit Pahl,Riese,Pahl auf Rang 13.
Was für eine friedliche Idylle am Tag vorher. Ruhiges Wasser und kaum Wind. Ein paar Stunden später sah´ das alles etwas anders aus.
...nämlich so !


Die rauhe Ostsee forderte schon frühzeitig ihre Opfer.
Kurz vorm ersten Berg, noch im Ort Glücksburg. Die von den nächtlichen Regengüssen nassen Strassen waren vom Wind wieder trocken gepustet.
Der Kordel um den Hals nach zu urteilen stammt dieses Bild aus der ersten Laufrunde. Da war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Obwohl... ein wirklich aufrechter Laufstil ist das nicht und die Knie erscheinen mir auch nicht in vorbildlicher Bewegung. Da gibt es reichlich Verbesserungspotential.
Es ist nun soweit. Heute schon mal nach Glücksburg. Rad abgeben, Wettkampfbesprechung...es ist soweit. Nix geht mehr. Morgen soll es sein.

Letzte Spekulationen. Morgen ist alles gesagt. Lars König, Andreas Riese und ich.
Dörte Siebke, die Vorjahressiegerin, hat auch schon eingecheckt.

Gerade hat Ollie angerufen. Ob ich auch so depressiv wäre. "Scheiße...ja", sag´ ich ihm. Alles so sinnlos. Der Weg war das Ziel. Man hatte ´ne Aufgabe...und nun ? Welch tristes Dasein, so ohne Ziel...ohne Leuchten am Horizont. It´s Bluestime. Die letzten Trainingseinheiten fallen schwer. Das Ziel ist zu nah´ zum Träumen und spekulieren. "Wir sind ganz schön bekloppt", sage ich Ollie. "Stimmt", erwidert er. Also planen wir schon mal grob für´s nächste Jahr. Wo könnte man sich denn mal für Kona qualifizieren ? Frankfurt, Regensburg, Lanzarote ...vielleicht Arizona ?
Es stimmt....wir sind bekloppt.
